Popannes' Blog

Mut

Posted in Uncategorized by popannes on Juni 25, 2011

Als der Regen weitergezogen war, stand Jakob im Erdbeerfeld und tauchte in Erinnerungen. “Ein weites Feld… Wer es zum Blühen bringen will, der muss viel Zeit mitbringen. Und Kraft. Und  jede Menge Mut.”

Jakob dachte nicht viel an solche Dinge. Jakob dachte in erster Linie an seinen Job. Und dort in erster Linie an den nächsten Fick. Ja, ab und zu dachte er an Essen. Oder an seine Familie. Oder an Sport.

Ansonsten war das Hirn leer. Gedanken zogen schnell durch. Bilder klammerten sich nur für Sekunden fest. Kummer schickte er mit überhöhter Geschwindigkeit wieder nach draussen.

……………………………………

“Ich arbeite. 8 Stunden am Tag. Ich spiele das Immergleiche in feinen Variationen. Ich treffe mich mit Freunden. Wir plaudern. In unterschiedlichen Räumen, zu unterschiedlichen Themen, in unterschiedlichen Mixturen. Und doch verändert sich der Inhalt nur marginal. Neue Inhalte generieren sich aus alten. Und die alten generieren wiederum aus noch älteren. Ein ewiges Aufwärmen der selben Gefühle.

Ich habe Partner. Ich habe Hobbies. Und doch sind die Abläufe immer die selben.

Ich reise. Mal dorthin, mal dahin. Eindrücke bleiben und summieren sich zu einem routinierten Brei.

Kurzum: Mein Leben ist ein Deja-vu!”

Magda saß am Rande des Erdebeerfeldes. Sie beobachtete Jakob, wie er da stand. Leer. Und hoffnungslos.

“Wir lachen zusammen. WIr lachen eigentlich immer über die gleichen Dinge. Wir streiten über Banales. Wir diskutieren und glauben damit ein philiosphisches Pamphlet zu konstruieren. Und doch ist alles was wir machen nur eine Wiederholung. Die Platte springt und die Nadel, die um sie kreist, sie nutzt sich ab. Sie wird sich immer abnutzen: Beim nächsten Partner, beim nächsten Job, beim nächsten Urlaub, beim nächsten Restaurantbesuch, bei der nächsten Unterhaltung.

Wir wollen alt werden. Sehr alt. Wir wollen nicht sterben.

Aber warum? Warum wollen wir dem Teufelskreis nicht entfliehen? Weil wir Angst davor haben, dass nach dem Teufelskreis nichts anderes kommt? Weil wir  immer noch hoffen, dass Glücksgefühle uns für Momente auszubrechen scheinen lassen? Weil wir aufgegeben haben, Höheres zu suchen?”

“…weil wir wissen, das es nichts Höheres gibt.” Jakob stand in Magdas Gedankenfeld. und ähnlich desillusioniert wie das Erdbeerfeld betrachtete er die Früchte von Magdas Wirrungen und zerschlug sie mit einem Satz.

“Ich habe geträumt. Ich habe geträumt, ewig zu leben. Mein Leben war eine unendliche Langweile. Eine unerschöpfliche Reproduktion des Wiederkehrenden. Dinge wurden vertagt, verjährt. Letargie war mein treuester Begleiter. Und als ich mir das Leben nehmen wollte, da sagte mir die innere Stimme: Hier wird nicht gestorben.

Wenn sich Angst aus Langeweile speist, dann ist Freude nicht zu Tisch.”

Jakob setzte sich hinter Magda. Er steckte ihr eine Erdbeerblüte ins Haar. Mit den Fingern spielte er in ihren Haaren. Das hatte er bei Anna so gemacht. Bei Tanja. Bei Susanne. Die Haare waren ganz unterschiedlich. Und doch entglitten sie den Fingern immer auf die gleiche Weise.”

Variation ist ein gerissener Hochstapler. Komposition ein verzweifelter Liebhaber. Und das Neue nicht mehr als ein alter Schuh.

Magda legte ihren Kopf in seinen Schoß. Das hatte sie bei Thomas gemacht. Bei Michael. Und auch bei Klaus.

Sie betrachtete die Wolken. Weiß auf blau. Der Anteil variiert. Das Prinzip bleibt gleich.

“Was kann uns retten?

Die Liebe? Die Überraschung? Die Kunst? Der Spaß? Der Sex? Das Wetter? Das Meer? Die Bilder im Kopf? Die Fantasie? Wissen? Musik? Küsse? Kinder? Die Welt?

Was kann uns retten?”

Die Nacht hatte sich über das Feld gelegt und die beiden in ihr schwarzes Blau gehüllt. Sterne lachten. Und irgendwo dahinter ging irgendwo die Sonne auf. Die Träume zogen dahin. In 24 Stunden wurden 220.862 Menschen geboren. Millionen Tageszeitungen gedruckt und Milliarden Gedanken ersponnen. Die Welt hatte gearbeitet. Produktion um des Produzierens Willen. Und obwohl das Alte nicht geklärt war, wurden neue Schnittmuster angelegt, neue Verwirrungen gestiftet.

…………………………………..

Die Welt hatte sich nach vorne gebeugt und blickte Popannes strafend in die Augen. “Wie kommst du aus dieser Geschichte wieder raus?” fragte sie. “Ich glaube, für diese Geschichte habe ich keine Ende überlegt…”

Jakob blickte in Magdas dunkle Augen. “Vielleicht fehlt nur ein bisschen Mut. Mut, genau das zu sagen was man denkt. Mut genau das zu machen was man will. Mut über den dunklen Schatten zu springen. Und vielleicht verändert Mut die Welt. Deine. Meine. Unsere. Und erhebt die Variation zum Kunstwerk. Nicht weil Mut überrascht. Nicht weil Mut bestürzt. Sondern einzig und allein, weil Mut mit ein bisschen Glück eine neue Variation hervorbringt.”

“Und wenn die neue Variation auch nur eine alte ist?”

“Dann haben wir es wenigstens versucht.”

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