Sweet Memories
“Ein Fahrgeschäft mit dicken Kindern. So ist das Leben. Man kann darüber streiten, ob man die dicken Kinder mag. Fest steht: Sie kommen immer wieder. Bis ihnen – oder vielleicht bis mir – schwindelig wird.”
Zwischen ihrem Herzen und dem Sand Andalusiens lag nicht viel mehr als eine dünne Ölschicht. Der Wind wehte die Körner an ihre gefetteten Schenkel. Einem Wiener Schnitzel gleich, suhlte sie sich in der spanischen Hitze. Im Kopf tausend Gedanken und Fragen. Und eine davon: “Wenn sich das Karussell noch einmal dreht, dann hab ich alles erlebt, oder kommt da noch was?”
Sie nahm einen Schluck Wasser, richtete sich auf, blickte sich um und trabte ausdruckslos zur Hotelbar.
Zwei Gläser Wein später blickte sie noch immer auf den Pool, an dem sich die fritierte Ware wie Fingefood um eine ovale, blaue Ölsardinendose scharte. Fast so, als wollte man sich für die Ewigkeit konservieren. In Gedanken, Bildern und im Vergessen.
Vergessen wollte auch sie:
Die Heimat, die keine mehr war. Das Zuhause, das sich anfühlte wie ein Krebsgeschwür. Wie ein Tumor der die gesunden Zellen auffrisst und nichts als Leere hinterlässt. Die Stühle. Das Sofa. Die vielen kleinen Polaroids. Der Balkon. Die Bücher… Sie alle wurden zu Statisten eines Filmes, der früher ein Kassenschlager war und heute nicht mal mehr auf Kabel1 lQuote machte. ‘A chair is still a chair, even noone’s sitting there…’summte sie in ihren übersäuerten Magen.
Zwei Gläser Wein später starrte sie auf das reife Fleisch, das sich locker-lasziv präsentierte, ganz in der Hoffnung, gepflückt zu werden. Wie ranzige Scheiben Wurst, die sich an den Enden aufrollten, als wollten sie sagen: ‘Komm! Nasch’ uns. Wir sind der Frühling!’
Sie hoffte auf ein Wunder. Sie hatte gebetet. Sie hatte gezaubert. Sie hatte es nicht fassen wollen. “Irgendwann, wenn ich es nur lange genug hoffe, wenn die da oben wissen, dass ich es ernst meine. Wenn ich bewiesen habe, dass ich durchhalte, dann muss es doch passieren.” Das Alter kleidete sie. Wie ein Kittel, wie eine Schürze zum Fensterputzen.
Sie hatte über Alternativen nachgedacht. Diese umzusetzen hätte der Zukunft bedurft. Die Vergangenheit war näher. Die Alternativen mussten nicht weiter betrachtet werden.
Zwei Gläser Wein später ließ sie das Gammelige an die Grenzen des Ozeans und ihre Augen über den blauen Himmel gleiten. Bunte Farben vermischten sich mit einem gläsernen Blick, während sich ihr Kopf mit dem spiegelglatten Fließenboden verband.
Zwischen Kur und Kollaps liegen oft nicht mehr als sechs Gläser Wein.
Frau Glück lag benommen in ihrem Hotelbett. Die Jalousien waren verschlossen. Am Ende des Raumes donnerte ein Ventilator seine Runden und erreichte mit Mühe ihren großen Zeh. Der Hinterkopf vergnügte sich mit einem Beutel Eis und aus der Ferne hörte sie das klirrende Geschirr aus der Hotelküche. Wenn sie sich anstrengte, dann hörte sie die Wellen, wie sie gegen die Steinmauern der Betonwüste klatschten.
Frau Glück hatte ihren Namen wieder einmal alle Ehre gemacht:
Sie war vom Pech verfolgt. Obwohl sie sich stets bemühte, alles richtig zu machen, mit dem Herzen zu handeln und nicht bei rot über die Ampel zu gehen, prasselte jedes denkbare Unglück der Welt auf sie ein. Wer auch immer nach einem dieser Vorfälle als erstes zu ihr kam, zwinkerte keck mit den Augen und sagte: “Glück gehabt.” Das dem augenscheinlichen Glück aber immer schnell vergessenes Pech vorausging, das bemerkte niemand. Wie ein Schatten verfolgten sie sich, immer auf der Suche nach einem neuen Eklat.
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Irgendwo zwischen Glück und Pech, eigentlich ganz woanders hatte SIE ihr Zuhause gefunden. SIE hat Mauern errichtet, ein Haus gebaut und in den Himmel geschaut. Manchmal spielt SIE Klavier. Manchmal sitzt SIE in ihrem Garten. Und immer denkt SIE: Wie gut, dass ich frei bin. Nur SIE weiß, wie es bei sich aussieht.
Und mal ganze unter uns: Keine möchte ihr Chaos sehen. SIE besitzt kein Tor. SIE besitzt keine Klingel. Keiner hat SIE gesehen.
SIE kann sich nicht erinnern. Wirklich an gar nichts. Das Vergessen hält SIE am Leben. SIE kennt kein Wetter, SIE kennt keine Tageszeit. SIE kennt keine Menschen.
SIE pflanzt keine Blumen, SIE trägt keine Kleider. Und nur die Abwesenheit von Sauerstoff lässt sie beruhigt atmen.
Frau Glück und SIE haben keine Gemeinsamheiten. Sie kennen sich nicht. Und keine der beiden kann sich vorstellen wie es ist, die andere zu sein.
Frau Glück existiert.
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Frau Glück lag regungs-, fassungslos im Bett und erinnerte sich alter Zeiten. Melancholisch überdachte sie die letzten 50 Jahre. Frau Glück hatte nicht viel gefordert, nicht geklagt.
Nur einmal, kurz bevor der Kopf auf die Fliesen knallte, da dachte sie sich: “Würde ich die Freiheit kennen, dann wäre mir nicht so schwer ums Herz!”
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