Fast forward zurück.
Sehnsucht ist eine Getriebene. Unruhig rast sie durch meinen Raum. Sie verfolgt mich. Höre ich weg, erhöht sie die Geschwindigkeit.
Ihr Beifahrer heisst Erinnerung. Zusammen ebnen sie jeden Weg. Zusammen zerstören sie Stille. Zusammen zerstören sie jedes Getriebe. Nur um umzusteigen – und die selbe Strecke noch einmal zu fahren.
Kein Airbag muss sie schützen. Kein Gurt kann sie halten. Keine Bremse darf sie stoppen.
Manchmal fährt sie weg. Übers Wochenende. Freunde besuchen, Freunde die ich nicht kenne, die mich nicht interessieren. Und ehe ich aufatme, stürzt die Sonntagsdämmerung über die Stadt und sie ist zurück.
Ich warte nicht auf sie. Ich hasse sie. Und doch hüllt sie mich in ihre weiten Arme und nimmt mich mit. Mit nach damals. Nie nach vorne. “Weinst du?”, fragt sie mich. Dann lache ich und antworte lässig: “Nur der Fahrtwind, meine Liebe.”
Sehnsucht ist treu. Treuer als die Erinnerung. Treuer als die Wahrheit. In Sonne gehüllt verzaubert sie mich. Sie spricht. Nur Gutes. Sie erzählt. Nur Schönes. Sie weiß alles. Nur besser. Und besser ist früher. Das weiß sie.
Wir trennen uns. Nur um uns zu sagen, dass wir uns vermissen.
Sie lügt nicht. Sie lässt nur ein bisschen Wahrheit aus. Das verzeihe ich ihr. Wer liebt verzeiht. Ich liebe ihre Geschichten. Ihre Geschichten aus 1001 Deja-vus.
Jede Geschichte kommt mir bekannt vor. Doch sie schmückt sie aus. Mit allerlei Zutaten, die das Schöne braucht. Sie beherrscht das Photshop der Gefühle. Ihre Welt ist das Schlaraffenland.
Sehnsucht ist eine Getriebene. Unruhig rast sie durch den Raum. Sie verfolgt mich. Und bremse ich. Dann nimmt sie den nächsten Zug. Leider nicht ohne mich.
“Ich ziehe mich nicht aus. Nur beim ersten Date. Und bevor ich nackt bin gehe ich.” Blake stand ans Auto gelehnt, zündete sich eine Zigarette an und schaute auf die Autobahn. “Da fahren sie. Und während sie fahren, laufen sie davon. Ich bleibe einfach hier. Und wenn morgen die Sonne aufgeht, dann ist für mich gestern. Ich spiele nicht auf Zeit. Ich spiele mit ihr.”
“Es ist kalt,” sagte Blakes Hund aus dem Kofferraum. “Komm wieder rein und lass uns heimfahren. Ich habe Hunger.”
“Du hast immer Hunger. Das ist alles was dich interessiert. Fressen. Fressen. Fressen.”, schnaubte Blake in Richtung Kofferraum.
“Was soll ich sonst schon machen? Du hast mich kastriert. Du führst mich an der Leine. Ich lebe in deiner Welt. Menschen fassen mich an. Egal wo ich bin. Jeder tätschelt meinen Kopf, jeder redet mit mir als wäre ich ein Vollhonk. Ab und an darf ich raus, wenns regnet 5 Minuten, während du schreist muss ich im Akkord kacken. Lass mir einfach das Fressen. Auch wenn es nicht schmeckt.”
“Blake öffnete den Kofferraum, blickte auf seinen Hund: “Was fürn Scheißleben. Warum bist du eigentlich noch hier?”
“Weil ich sooft ganz woanders lebe. In irgendeiner anderen Welt. Jeden Tag denke ich mir eine neue aus. Mal bin ich draussen in den Feldern. Manchmal am Meer. Und ja, manchmal besuche ich Hundeschulen. Und wundere mich warum sie das tun. Ich habe aufgehört in deiner Welt zu sein. Sie deprimiert mich. Deine Realität. Deine Zukunft. Deine Wahrheit.
Du drehst dich doch im Kreis. Aus Kreisen. Manche sind größer. Manche kleiner. Und trotzdem bleibt ein Kreis ein Kreis. Mich verwundert nur, dass du die Wege so oft gehst und dir nie etwas auffällt. Zum Beispiel, dass da jemand ist, der dich liebt. Dass da jemand ist, der immer für dich da wäre. Jemand, der dich vermisst. Dein Kreis bleibt ein Kreis. Wie die vier Räder unter uns. Du fährst vorwärts und doch nur zurück. Und anstatt den Kreis mal mit offenen Augen zu fahren, sagst du dir “Ich kenne die Strecke”. Pah! Was für ein Trottel bist du.”
Blake drehte sich um, warf die Zigarette auf die Straße, stieg ein… Und dachte eigentlich nur: “Hat mir das alles gerade ein Hund gesagt?”
Dann drehte er das Radio laut und fuhr los…… Rückwärts im Vorwärtsgang…
Wake up!
Ich suche das Äquivalent meiner Wünsche. Das Original ging mir verloren. Und so kann ich nur im Geiste rekonstruieren: Das Unkonkrete. Den Zustand, der schneller als das Licht, schneller als jeder Traum mir entgegeneilt und dessen Weg ich nicht kenne.
“Wer ist schon glücklich? Wer hat das, was er will? Wer wacht in von Glück getränkten Betten auf und kann dem Alltag entgegen streben, obwohl er die Augen öffnen muss? Wer schreibt sein eigenes Drehbuch und verliert darin nicht die Sinnhaftigkeit seines Seins?” Magdalena nippte an ihrem Eistee und zusammen oder genau wegen der Sonne blendeten kleine Tränen ihre Augen.
“Man fühlt doch nur. Man ist getrieben davon – ich nehme mich davon nicht aus – man glaubt, schnelle Sprünge bringen voran. Das mag auch so sein, denn schon kurz nachdem man den Boden wieder berührt hat, befindet man sich in einer neuen Spur. Ob diese aber die richtige ist mag man erst hinterfragen, wenn sie entgegen des früheren Wunsches die Falsche war.”, antwortete Anja während sie die Sonnenbrille aufsetzte. ”Manchmal hat man Glück und es war der richtige Sprung.”
“Ich mag diese Metapher nicht: Das Leben als Weg. Es stimmt einfach nicht. Nur weil das Leben einen Start hat, muss es noch lange kein Ziel haben. Und das Ziel ist, sofern man es jemals findet, niemals das Ende. Wir müssen uns keiner chinesischen Weisheiten bedienen, um zu beschreiben, dass das grade keinen Sinn macht.”, erwiderte Magdalena kühl.
“Worin siehst du dann den Sinn?”
“Ich sehe ihn eben nicht. Wir sitzen hier in der Sonne, wir laufen den Strand entlang und sehen aus wie in einem billigen Werbespot: Bikinifigur, große Sonnenbrillen und ein Cocktailglas in der Hand. Wir kombinieren oberflächlichen Genuss mit scheinbarer Sorglosigkeit und schicken Urlaubsbilder in die Heimat, mit dem Zweck jenen ein erfülltes Leben vorzugaukeln, die wir sehnlichst und jede Sekunde vermissen. Wir sind einsam geworden. Die Fremde macht uns das nur noch bewusster.”
“Die Traurigen, die ewig Sinnsuchenden, die Gefallenen gefallen doch nicht. Viel zu sehr ziehen sie uns an den eigenen Abgrund, dessen Klippen wir mit einer Mauer aus Verblendung und Frohmut vor dem plötzlichen Fall abgesichert haben.”, sagte Anja. “Was spricht eben gegen diesen Fall? Man würde ihn doch zusammen nehmen. Und wer weiß, vielleicht liegt dahinter etwas Neues?”, Magdas Tränen zauberten bunte Lichtspiele auf ihrer Netzhaut. Wären wir Optimisten, wir würden darin Visionen sehen.
“Wie war das mit den chinesischen Weisheiten?” Anja lächelte, legte ihre Sonnenbrille ab und ging zum Wasser. Anja lächelte immer, denn so schien es, sie hatte die größte Mauer gebaut. Mit variablen Bauteilen, die sie immer wieder neu kombinieren und den jeweiligen Situationen anpassen konnte. Tetris war dagegen eine Meisterleistung.
“Was für ein Gesulze. Dein Blog verkommt zu einer Sammlung billiger Kalendersprüchen.”, sagte die Welt, die sich das alles angeschaut hatte. “Da krieg ich Depressionen und Pickel. Nur Montage sind deprimierender. Geh doch mal raus und such das Glück. Ich kenne da Ecken und Orte, wo die Sonne noch scheint. Vielleicht schreibst du dann mal wieder über Tiere, Torten und Tunten.”
Popannes schaute sie entgeistert an. “Das ist mein Blog! Damit kann ich machen was ich will. Und wenn ich dich anhalte, dann kannst du auch nichts dagegen machen. Ich konserviere dich in deiner Bewegungslosigkeit.”
Die Welt lächelte, nahm ihre Tasche und ging zur Tür. Im Hinausgehen drehte sie den Kopf nochmal und antwortete: “Haha, konserviere mich nur. Fakt ist: Ich drehe mich trotzdem weiter. Wake up!”
Fiat lux
Alles ist Melancholie. Gekleidet in Hedonismus. In einen Zauber aus Gold. Und glitzerndes Funkeln.
“Ich lebe in meiner Traurigkeit. Mein Autismus verbietet Veränderungen. Mein Automatismus verwehrt sich dem Neuen.
Mein Motor heißt Angst. Näher als mein Schatten. Umarmender als meine Haut. Schneller als meine Gedanken. Sie wohnt bei mir. Tagein, tagaus. Dann atme ich sie: Öfter als ich nach Luft schnappe.
Ich habe sie kultiviert und ich werde ihre Früchte ernten. Wir teilen unsere Zukunft. Als Freunde. Als Partner. Ich nehme sie beim Wort. Ich höre zu. Ich rede, ich lache, ich weine… ich reise mit ihr. Wir wissen nicht wohin. Ich kenne sie. Und doch kenne ich sie kaum.” Er drehte sich um und wartete auf eine Reaktion.
“Warum?”, fragte der andere.
“Ich weiß es nicht. Vielleicht weil ich sie liebe. Weil sie bei mir bleibt. Weil ich dann nur sie lieben muss. Ich kann das Gefühl improvisieren, denn ich weiß wie es funktioniert. Ich bin ein Schauspieler.”
“Und sonst hast du niemanden geliebt?”, fragte der andere.
“Ich glaube nicht.”, sagte der eine.
“Aber du hast es doch so oft geschworen.”
“Ich weiß wie es geht.”, er lächelte, während er die Decke betrachtete. “Fast dachte ich, das wäre ich.”
“Warum hast du es dann gemacht?”, fragte der andere.
“Meintwegen.”
Die Welt drehte sich nicht schneller. Sie hörte nicht zu.
Nur eine hatte zugehört. Sie hatte nach Liebe gefleht und gewonnen.
Nur wer sich selbst liebt, kann ängstlich sein. Wer sich zu sehr liebt,, kann ihr verfallen. Narzissmus reist auf ihrem Rücken. Und hinter ihrem Rücken kleidet er ihren Schatten in ein helles Gewand.
“Ich bin vielleicht zu wichtig für die Welt. Mehr als die anderen. Die Welt erwartet meine Zuneigung. Ich erwarte ihre. Ich gaukle Liebe, um sie zu gewinnen. Everybody’s Darling is everybody’s dream. Liebe ist für mich keine Gefühl. Liebe ist ein Spiel. Das größte, das trickreichste, das schwierigste, das es gibt.
Ich habe begonnen, mich dafür zu interessieren, wer wen mehr liebt. Und erst wenn ich weiß, ich liebe weniger, fühle ich den Sieg. For never Fifty-fifty.”
Nichts ist verwundbarer als das Gleichgewicht. Behäbigkeit ist des Bodens engster Freund.
“Verlust bedauert Verteilungen. Nicht den anderen. Die Liebe ist ein Kuchenrezept. Vergisst du die Zutaten, so kannst du nicht backen.”
“Glaubst du, es ist verloren?”
“Ich könnte beginnen, es in Erwägung zu ziehen.”
“Und worin liegt die Hoffnung, es nicht zu tun?”
“In einem Versuch.”
Die Welt hatte angehalten und das Unmögliche wahr gemacht. Aus dem Nichts ein Alles gemacht. Nach dem allen dem Nichts Gute Nacht gesagt. Und danach das Licht ausgemacht.
Amnesty Amnesia.
Ich versuche mich zu erinnern. Ich kann nur daran denken.
Zwischen erinnern und daran denken liegt eine Tasche Gefühle. Abgestellt und vergessen. In der U-Bahn. Im Taxi. Irgendwo auf dem Weg.
Wenn das was mir die Reise so schwer gemacht hat, heute nicht mehr bedeutet als ein Regenschirm, was hat mich um den Schlaf gebracht? Wenn auch nachts die Sonne scheint, dann weiß ich nicht mehr wann es zuletzt geregnet hat. Und selbst wenn dieser Schirm Schatten spendete, kann ich seinen Schatten nicht mehr erinnern.
Im Hintergrund trällerten die Schlager einer neuen Zeit. In Watte gepackt und in Schmalz gebadet änderten sie die Regeln. Die Welt drehte sich auf dem Plattenteller und wechselte die Tonspur im Sekundentakt. Dabei jauchzte und jaulte sie wie eine dicke Diva im Tuntenkostüm.
Schneller? Schneller!
Gläser prosten. Beine springen.
Hände klatschen. Lieder singen.
Stimmen kreischen. Herzen klingen.
Natürlich hatte die Welt zu viel getrunken.
Natürlich hatte sie gefeiert, gekifft, geraucht und gezogen.
Natürlich hatte sie geküsst. In jeder Ecke des Clubs. Auf jedem Tresen der Welt.
Und nur diese Zeile feiert sich selbst. Zurecht. Warum? Sie ist die längste seit Langem.
Oh!
Oh
O
. <– und sie ist die Kürzeste. Egal! Weiter gehts!
“Warum müssen Geschichten zu Geschichten führen? Warum muss alles einen Sinn ergeben? Warum kann man aus allem lernen? Warum ist alles für irgendwas gut? Irgendwas, was ist das schon?
Ich wollte vergessen. Heute kann ich mich nicht erinnern. Ich frage mich schmerzlich warum ES das eben nicht tut. Dabei lache ich. Aus vollem Herzen.
Warum schreiben Menschen “:)” wenn ihnen nichts einfällt? Warum zeichnen Menschen Herzen, obwohl sie keine Ahnung davon haben?
Warum schmeckt Schnapps so scheußlich und ist trotzdem so gut?
Warum? Warum? Warum ein Warum?”
Das letzte Lied war längst vorbei und die Welt lag selig unterm Tresen. Sie schlief nicht. Die Welt schläft nie. Selbst als sie benebelt fremde Füße leckte, steckte etwas Bedeutsames darin.
Das ist die Welt. Die Welt!
Popannes beugte sich zu ihr, legte seinen Arm unter die Schwere des Kopfes. Nie war sie ihm leichter erschienen. Nie freudiger. Die Welt lachte. Von ABBA bis Zappa, von Anus bis Zwölffingerdarm. Von Armenien bis Zypern. Das ist nicht weit, aber weiter als jedes dumme Arschloch dieser Welt springen kann.
“Komm hoch. Wir gehen heim”
“Schon zu Ende?”, lallte die Welt ihm entgegen.
“Für heute.”
“Und morgen geht’s weiter?”
“Morgen geht’s bestimmt weiter.”, antwortete Popannes während er zwischen Barhocker und Tresen an der Strahlenden Welt zog.
“Aber heute ist doch schon morgen!”
“Du hast Recht. irgendwo auf der Welt ist immer morgen schon heute.”
Die Welt schaute Popannes irritiert an, denn sie verstand sich für eine Sekunde selbst nicht mehr. Sie hebte ihr Bein, kletterte in Richtung oben und als die kleinen Äuglein den Barmann erblickte, der soeben eine Flasche Schnapps in der Hand hielt, lallte sie noch einmal:
“Darauf sollten wir noch einmal vergessen.”
Und das noch einmal hören:
10m ÜNN.
Eine Wohnung. Ein Bett. Stühle. Karten. Ein Herz. Freunde. Gute. Weniger gute. Die Beste. Tausende Facebookeinträge. Familie. Einen Goldesel. Ein Tischleindeckdich. Eine Freiheit.
Wovon trennen?
“Trenne dich vom Wichtigsten. Alles andere würdest du vermissen.”, sagte die Welt als sie schlummernd und Kerzenlicht trunken an einem Martini nippte.
“Ich trenne mich nicht.
Physischer Entfremdung stelle ich große Erinnerungen entgegen.
Ein Sack voll Herzblut. Ein Koffer Hoffnung.
Ich spinne Fäden. In die Zukunft. Ich behalte sie in meiner Hand, selbst wenn ich sie wortlos überhole. Dann gehe ich langsam an ihnen vorbei, blicke zurück und verpasse es, neue zu knüpfen.
Ich kenne keine Narben. Ich denke in Wunden.”
Die Welt hob den Kopf und blickte sehnsüchtig in seine Augen. So als wollte sie eine Hand nehmen, sie in sein Gesicht legen und auf ihres den Hauch von Trost.
“Ich suche keinen Trost.
Wunden schmerzen nicht.
Man versteht sie ja überhaupt gar nicht.
Narben schmerzen. Wenn es regnet. Wenn das Wetter wechselt, dann bleiben da nur dumpfe Erinnerungen. Sehnsüchte. Dinge, deren Zusammenhänge man glaubt zu verstehen. Die keine Überprüfung zulassen, weil kein Blick sie durchschauen könnte.
Ich will nicht verstehen.
Fassungslosigkeit ist mein Pferd. ich reite es immer wenn die Sonne scheint.
Wer um Fassung ringt, der muss sich auf einen Patt einstellen. Oder einen Knock-Out. Alles eine Frage der Zeit und nicht die richtige für mich.
Sport ist Spott. Mord ist Sport. Alles eine Frage der Definition.”
Die Welt nahm einen Schluck, wankte zum Sofa, zog einen Zug Zigarette. Sie rauchte neuerdings. Kein Wunder nach Fukushima. Dem arabischen Frühling traute sie nicht. Sie war nervös geworden. Fast so als ob von Trier eine reale Gefahr ausginge…
“Schau mal: Die Geissens. Mit ihrer Terrasse. Die kann man 10 Meter in die Luft fahren. Und wenn sie da oben stehen und der Wind in ihr blondes Haar weht, dann ist die Geschichte auch schon erzählt.
Denn: Es passiert nichts.
Moment!
Nein… Es passiert nichts.
Tellerränder wohnen nicht 10 Meter ÜNN.”
“Was willst du mir damit sagen?”
“Ich kenne mich.”, sagte die Welt. “Ich habe jede Ecke gesehen.
JEDE.
Ich könnte ganze Atlanten in meiner Erinnerung nachzeichnen. Und doch ist ein Wimpernschlag oft die größere Geschichte.
Was ich damit sagen will?
Versuche nicht zu verstehen. Nur so kannst du der Freiheit entkommen.”
“Ich verstehe dich nicht.”
“Dann bist du ihr schon ein Stück näher.”
“Wem?”
Die Welt blickte aus dem Fenster. Sie wischte die Wolken von der Sonne, nahm einen Schluck Martini, überschlug ihre Beine und schließlich auch ihre Stimme:
“Der Idee. Der Idee von Hoffnung.”
Lay all your lies on me….
Wenn die Lüge zur Selbstverständlichkeit geworden ist, brauchen wir dann einen neuen Begriff für Wahrheit? Wenn doch nichts zählt, woran wir früher geglaubt haben, womit füttern wir dann unsere Hoffnung? Wenn Vertrauen eine hohle Losung ist, deren Verletzen nicht mehr als ein Kavaliersdelikt ist, wohin fährt unser Zug?
Manchmal stehe ich auf, öffne das Fenster, blicke in den milchigen Himmel, der sich noch nicht zu regnen oder scheinen entschieden hat, setze mich auf mein Bett und warte.
Auf was? Ich weiß es nicht. Vielleicht auf Anrufe, auf E-Mails, auf Nachrichten.
Der Tag ist ein höflicher Gast. Ich kenne ihn nicht. Vielleicht lerne ich ihn besser kennen. Vielleicht bleibt er mir fremd. Wir trennen uns im Guten. Wir trennen uns im Bösen. Und manchmal bemerken wir gar nicht, dass wir voneinander gehen.
“Heart skipped a beat
And when I caught it you were out of reach
But I’m sure, I’m sure
You’ve heard if before” (The XX)
Wer sich nicht kennt, erwartet keine Lügen. Wer sich nicht kennt, der erwartet Wahrheit. “Ist dieser Kuchen mit Apfel?” Es wäre blöd, mit “Nein, Kirschen.” zu antworten, wenn es Apfel ist.
Wer sich kennt, der erwartet Lügen. Das liegt an den Themen. Das liegt an der Tiefe. Je tiefer du gehst, desto wichtiger ist die Lüge.
Wahrheit trennt. Lüge verbindet.
“Liebst du mich?” “Betrügst du mich?” “Bin ich schön?” – Die Wahrheit schmerzt, sie erfordert lange Gespräche und Trauer.
Lügen haben kurze Beine. Die Wahrheit gar keine.
Die Lüge ist bequem. Die Lüge ist moralisch. Die Lüge dämmert uns in Fantasmen, in Träume und Ideale. Nur eines macht die Lüge unbequem: Die Angst, sie nicht durchzuziehen. Für dich. Für mich. Für uns. Und wenn aus Lüge Wahrheit wird, wird aus einem Sonnenschein ein trennender Blitz.
Jan saß auf dem Sofa. Er blickte in die Leere. Beiläufig antwortete er: “Ja, wie am ersten Tag.” Er kannte den Satz in- und auswendig. Er hatte sich umgesehen, jedoch keine bessere Option gefunden. “If you can’t have the one you love, love the one you’re with.” Er hatte sie satt. Die immergleichen Schubladen, Denkmuster und die Massen an Stauraum für sinnlose Gespräche. Sie füllten sich schleppender. Die Gespräche nahmen ab. Die Wahrheiten auch. Die Lügen war nicht genial. Sie waren beiläufig. Das wussten beide. Und während er sein Gesicht im Glas betrachtete, wie er sah, dass es sich zog, mal das eine Auge, dann das andere Auge größer wurde, der Mund während des Sprechens in alle Richtungen glitt, wusste er, dass es vielleicht irgendwo eine Wahrheit gab. Allein sie zu finden wäre eine Strapaze.
Früher hat man geglaubt. An große Lügen. Vielleicht an die Größte. Heute glaubt man nicht. Man verdrängt die Wahrheit. Das macht es erträglich.
Wahrheit ist für Player, für Sehnsüchtige, für Schwachmaten, Traumtänzer, Idealisten, Wahrheit ist für die Unverbesserlichen. Die Lüge ist ein sanftes Bett.
Blaue oder rote Pille? Denk dran, du bist nicht in Hollywood. Denk dran. Leg dich hin, genieße. Hör auf zu suchen. Lüg’, was die Balken biegen. Lüg mit! Blaue oder rote Pille? Blau? Rot? Rot? Blau? Na? Was denkst du? Und denk dran, während du dir die Wahrheit schwörst: Du bist nicht in Hollywood!
Jan stand am Fenster. Die Wohnung war leer. Seit zwei Jahren hat er den Satz nicht mehr gesagt. Jan hatte sie versucht. Die Wahrheit gebucht. Jan hatte gesucht.
Jaja, die große Wahrheit, das was uns zusammenhält, die Gerechtigkeit, die Moral, das Gute und all den großen Scheiss. Und alles, wonach er sich sehnte war eine feige Lüge. Eine Lüge, die ihn umarmte wie der Morgen. Wie ein Tag, dem man nicht vertraut, sich trotzdem mit ihm versöhnt und am Ende sehnsüchtig “Gute Nacht” sagt.
“It’s been a while
And you’ve found someone better
But I’ve been waiting too long to give this up
The more I see, I understand
But sometimes, I still need you.” (The XX)
Schwarz ist die Wahrheit.
We only said goodbye with words
I died a hundred times
You go back to her
And I go back to black. (A.W.)
Schwarz ist die Nacht.
Schwarz ist meine Seele.
Schwarz ist die Hoffnung.
Once you went black, you’ll never go back?
S-Cat stand am Tresen und rührte in ihrer Rhabarber-Schorle mit einem Spritzer Wodka. Manchmal drehte sie sich um, schaute auf die Männer und dachte manikalyptisch: “Schart euch um mich. Schert euch um nix.” S-Cat war die neue S-Klasse. Eine ganze Generation nach Sabrina Setlur. Eine Klasse für sich. Wenn sie stand, stand sie. Wenn sie ging, ging sie. Wenn sie saß, las sie.
“Es gibt keine halben Sachen. Es sei denn man trennt sie. Ich spalte nicht. Weil ich nichts zusammenfüge. Ich kombiniere nicht, Kollektivität trägt nicht meine Handschrift.” Sie nahm einen Schluck Seligkeit und lächelte frech in die Runde, fast so als wollte sie sagen: “Ride me like a pony.”
Popannes saß auf seinem Kashmir-Sofa, während der Regen den Restalkohol dahin wusch. Auf pink folgt grau. Auf grau schwarz. Manchmal streut man auf das Schwarz ein bisschen Glitter. Dann funkelt die dumpfe Masse für ein paar Lichtsekunden, die Lider schließen sich und durch die bunte Regenbogenhaut dringt nicht mehr als eine schale Erinnerung.
Black Velvet.
Der feine Herr Dienstag blickte gebannt auf den Börsen-Ticker. Und während die Kurse nach unten schnallten, brannte man seine Stadt ab. Der feine Herr Dienstag hatte Mitleid: Mit den Kursen, mit den Konten, mit dem Kapitalismus. Er kippte sich ein bisschen Prosecco ein und nippte echauffiert dem lodernden Inferno entgegen.
S-Cat schnurrte. Mit der Welt. Die Börse war ihr egal.
Popannes ritt ein waghalsiges Kunststück. Der Regenbogen führte unweigerlich in die schwarze Masse. Die schwarze Masse unweigerlich in neue Denkschubladen. Und die neuen Denkschubladen in eine neue Zeit.
Per aspera ad astra.
Auf das Schwarz folgte ein Tag. An dem man von Neuem die alten Ressentiments in die gleissende Sommerhitze hängte und an seinen festgefahrenen Denkmustern weiter strickte. An dem das Licht die Zweifel übertünchte, an dem Schlagwörter zu Parolen avancierten.
Die Welt hatte sich auch an diesem Tag nicht verändert. Warum auch? Sie spazierte ungeachtet aller Turbulenzen durch das Sonnenlicht und den Regen, durch die Minuten und Stunden und blickte gelassen auf sich selbst.
Seit immer.
Und weiter?
Abends, wenn das Schwarz zurückkehrt, dann werden aus Gedanken Geschichten, aus kleinen Ängsten großer Mut, aus Vorhaben Pläne.
Die Nacht ist ein gutes Versteck. Für Einbrüche. Für ungestillte Sehnsüchte. Für die Wahrheit.
“Schade eigentlich”, sagte S-Cat, “dass morgen alles schon wieder beim Alten ist.”
Dienstag, 5. Juli 2011.
„Ich liebe dich wie eine Katze.
Nicht ich bin die Katze, sondern du. Ich kenne keine Katze persönlich. Nicht eine auf dieser Welt. Ich weiß wie sie aussehen. Ich hatte schon einmal eine auf dem Arm. Nicht lange. Nicht lange genug um heute sagen zu können wie sich eine Katze genau anfühlt. Zwischen uns beiden hat sich keine Stimmung entfaltet. Keine Zwischenmenschlichkeit. Keine Zwischenkatzlichkeit. Lass es fünf Minuten gewesen sein, in denen wir uns näher kamen. Dann war sie weg. Ich war weg. Ein kurzes Schauspiel. Kein Drama!
Ich liebe dich wie eine Katze. Wenn du da bist, dann nehme ich dich in den Arm. Ich streichle dich. Mit ein bisschen Gefühl. Zwischen meinen Fingern und deiner Haut entladen sich ein paar Elektronen, bis du von mir springst und deinen Weg gehst. Ich erinnere mich an dich. Ich weiß wie du aussiehst, wie du dich anfühlst, wie du mir vorgaukelst mich zu lieben, um Zärtlichkeiten zu empfangen, wie du Nachts durch die Gegend streunst und dann wieder heimkommst, ganz leise, und das Schauspiel von Neuem beginnt.
Ich habe dich nie geliebt. Ich habe dich nur genossen. Ich habe dich missbraucht, wie du mich missbraucht hast. Wir haben uns belogen. Weil wir wussten, dass es das braucht. Wir hätten die Lügen aufheben können. Ein Wort und aus deiner und meiner Lüge wird eine Wahrheit? Daran haben wir beide nicht geglaubt. Liebe ist keine Rechenaufgabe. Und obwohl wir an unsere eigenen Lügen geglaubt haben, haben wir an der des anderen festgehalten? Weil das unser Spiel war. Unser Drama.
Manchmal, wenn du schläfst. Morgens. Und nackt auf dem Bauch liegst. Dann betrachte ich dein Arschloch. Du zeigst es mir nicht. Ich schiebe deine Backen auseinander und blicke hinein. Nur so zum Spaß. Es gefällt mir. Es lächelt mich an. Wie eine alte Frau. Es begrüßt den Tag mit mir. Ich grüße dein Arschloch, die alte Frau, ich gebe ihm Namen. Morgens erinnert dein Arschloch nicht mehr an das, was es Nachts zuvor getan hat. Unschuldig eröffnet es den Tag.
Dann denke ich an Frau Müller aus der Bäckerei, wie sie morgens die Brötchen holt. Im geblümten Kleid und der grauen Mütze. Ich kneife die Augen zusammen und stelle mir vor, was sie gemacht hat. Früher. Als sie noch schuldig war. Als sie im Bett noch geschrien hat und Dinge an die ich gar nicht denken will. Heute steht sie im geblümten Kleid in der Bäckerei, lächelt mich an, geht nach Hause und bereitet das Frühstück zu. Lachs mit Meerrettich.
Du weißt nicht, dass ich dein Arschloch betrachte. Du weißt nicht, dass in meinem Kopf zwischen deinem Arschloch und einer Frau Müller ein untrennbarer Zusammenhang besteht: Beide begrüßen mit mir den Tag. Jeder auf seine Weise. Und beide sind mir morgens unendlich fremd.
Du bist eine Katze. Erst wenn du gehst, dann sehe ich dein Lächeln.”
Die Welt hielt fassungslos an den Seiten fest. Sie hatte das Buch aufgelesen. Hinter einer Parkbank hatte es gelegen und sie überlegte, was sie damit machen sollte. Es stand kein Name drin. Vielleicht auch gut. Das Buch wieder an den Platz legen? Damit irgendjemand das läse? Damit irgendeine dumme Jugendgruppe Gesprächsstoff für die nächsten drei Jahre haben würde? Wohl kaum!
Sie nahm das Buch an sich, trug es nach Hause und stellte es ins Regal. Zu den anderen Wertgegenständen, die sie dem Fundbüro nicht zumuten wollte. Aus der Schublade holte sie Sprühkleber und besprühte jede einzelne Seite, bis alle Seiten zu einem großen Ganzen verklebten.
Bis eine Liebesgeschichte konserviert ein Ende fand.
Die Gedanken blieben. Die Worte fehlten.
Nur eines konnte die Welt fortan nicht mehr: Alte Frauen in Bäckereien betrachten.
Mut
Als der Regen weitergezogen war, stand Jakob im Erdbeerfeld und tauchte in Erinnerungen. “Ein weites Feld… Wer es zum Blühen bringen will, der muss viel Zeit mitbringen. Und Kraft. Und jede Menge Mut.”
Jakob dachte nicht viel an solche Dinge. Jakob dachte in erster Linie an seinen Job. Und dort in erster Linie an den nächsten Fick. Ja, ab und zu dachte er an Essen. Oder an seine Familie. Oder an Sport.
Ansonsten war das Hirn leer. Gedanken zogen schnell durch. Bilder klammerten sich nur für Sekunden fest. Kummer schickte er mit überhöhter Geschwindigkeit wieder nach draussen.
……………………………………
“Ich arbeite. 8 Stunden am Tag. Ich spiele das Immergleiche in feinen Variationen. Ich treffe mich mit Freunden. Wir plaudern. In unterschiedlichen Räumen, zu unterschiedlichen Themen, in unterschiedlichen Mixturen. Und doch verändert sich der Inhalt nur marginal. Neue Inhalte generieren sich aus alten. Und die alten generieren wiederum aus noch älteren. Ein ewiges Aufwärmen der selben Gefühle.
Ich habe Partner. Ich habe Hobbies. Und doch sind die Abläufe immer die selben.
Ich reise. Mal dorthin, mal dahin. Eindrücke bleiben und summieren sich zu einem routinierten Brei.
Kurzum: Mein Leben ist ein Deja-vu!”
Magda saß am Rande des Erdebeerfeldes. Sie beobachtete Jakob, wie er da stand. Leer. Und hoffnungslos.
“Wir lachen zusammen. WIr lachen eigentlich immer über die gleichen Dinge. Wir streiten über Banales. Wir diskutieren und glauben damit ein philiosphisches Pamphlet zu konstruieren. Und doch ist alles was wir machen nur eine Wiederholung. Die Platte springt und die Nadel, die um sie kreist, sie nutzt sich ab. Sie wird sich immer abnutzen: Beim nächsten Partner, beim nächsten Job, beim nächsten Urlaub, beim nächsten Restaurantbesuch, bei der nächsten Unterhaltung.
Wir wollen alt werden. Sehr alt. Wir wollen nicht sterben.
Aber warum? Warum wollen wir dem Teufelskreis nicht entfliehen? Weil wir Angst davor haben, dass nach dem Teufelskreis nichts anderes kommt? Weil wir immer noch hoffen, dass Glücksgefühle uns für Momente auszubrechen scheinen lassen? Weil wir aufgegeben haben, Höheres zu suchen?”
“…weil wir wissen, das es nichts Höheres gibt.” Jakob stand in Magdas Gedankenfeld. und ähnlich desillusioniert wie das Erdbeerfeld betrachtete er die Früchte von Magdas Wirrungen und zerschlug sie mit einem Satz.
“Ich habe geträumt. Ich habe geträumt, ewig zu leben. Mein Leben war eine unendliche Langweile. Eine unerschöpfliche Reproduktion des Wiederkehrenden. Dinge wurden vertagt, verjährt. Letargie war mein treuester Begleiter. Und als ich mir das Leben nehmen wollte, da sagte mir die innere Stimme: Hier wird nicht gestorben.
Wenn sich Angst aus Langeweile speist, dann ist Freude nicht zu Tisch.”
Jakob setzte sich hinter Magda. Er steckte ihr eine Erdbeerblüte ins Haar. Mit den Fingern spielte er in ihren Haaren. Das hatte er bei Anna so gemacht. Bei Tanja. Bei Susanne. Die Haare waren ganz unterschiedlich. Und doch entglitten sie den Fingern immer auf die gleiche Weise.”
Variation ist ein gerissener Hochstapler. Komposition ein verzweifelter Liebhaber. Und das Neue nicht mehr als ein alter Schuh.
Magda legte ihren Kopf in seinen Schoß. Das hatte sie bei Thomas gemacht. Bei Michael. Und auch bei Klaus.
Sie betrachtete die Wolken. Weiß auf blau. Der Anteil variiert. Das Prinzip bleibt gleich.
“Was kann uns retten?
Die Liebe? Die Überraschung? Die Kunst? Der Spaß? Der Sex? Das Wetter? Das Meer? Die Bilder im Kopf? Die Fantasie? Wissen? Musik? Küsse? Kinder? Die Welt?
Was kann uns retten?”
Die Nacht hatte sich über das Feld gelegt und die beiden in ihr schwarzes Blau gehüllt. Sterne lachten. Und irgendwo dahinter ging irgendwo die Sonne auf. Die Träume zogen dahin. In 24 Stunden wurden 220.862 Menschen geboren. Millionen Tageszeitungen gedruckt und Milliarden Gedanken ersponnen. Die Welt hatte gearbeitet. Produktion um des Produzierens Willen. Und obwohl das Alte nicht geklärt war, wurden neue Schnittmuster angelegt, neue Verwirrungen gestiftet.
…………………………………..
Die Welt hatte sich nach vorne gebeugt und blickte Popannes strafend in die Augen. “Wie kommst du aus dieser Geschichte wieder raus?” fragte sie. “Ich glaube, für diese Geschichte habe ich keine Ende überlegt…”
Jakob blickte in Magdas dunkle Augen. “Vielleicht fehlt nur ein bisschen Mut. Mut, genau das zu sagen was man denkt. Mut genau das zu machen was man will. Mut über den dunklen Schatten zu springen. Und vielleicht verändert Mut die Welt. Deine. Meine. Unsere. Und erhebt die Variation zum Kunstwerk. Nicht weil Mut überrascht. Nicht weil Mut bestürzt. Sondern einzig und allein, weil Mut mit ein bisschen Glück eine neue Variation hervorbringt.”
“Und wenn die neue Variation auch nur eine alte ist?”
“Dann haben wir es wenigstens versucht.”
Sweet Memories
“Ein Fahrgeschäft mit dicken Kindern. So ist das Leben. Man kann darüber streiten, ob man die dicken Kinder mag. Fest steht: Sie kommen immer wieder. Bis ihnen – oder vielleicht bis mir – schwindelig wird.”
Zwischen ihrem Herzen und dem Sand Andalusiens lag nicht viel mehr als eine dünne Ölschicht. Der Wind wehte die Körner an ihre gefetteten Schenkel. Einem Wiener Schnitzel gleich, suhlte sie sich in der spanischen Hitze. Im Kopf tausend Gedanken und Fragen. Und eine davon: “Wenn sich das Karussell noch einmal dreht, dann hab ich alles erlebt, oder kommt da noch was?”
Sie nahm einen Schluck Wasser, richtete sich auf, blickte sich um und trabte ausdruckslos zur Hotelbar.
Zwei Gläser Wein später blickte sie noch immer auf den Pool, an dem sich die fritierte Ware wie Fingefood um eine ovale, blaue Ölsardinendose scharte. Fast so, als wollte man sich für die Ewigkeit konservieren. In Gedanken, Bildern und im Vergessen.
Vergessen wollte auch sie:
Die Heimat, die keine mehr war. Das Zuhause, das sich anfühlte wie ein Krebsgeschwür. Wie ein Tumor der die gesunden Zellen auffrisst und nichts als Leere hinterlässt. Die Stühle. Das Sofa. Die vielen kleinen Polaroids. Der Balkon. Die Bücher… Sie alle wurden zu Statisten eines Filmes, der früher ein Kassenschlager war und heute nicht mal mehr auf Kabel1 lQuote machte. ‘A chair is still a chair, even noone’s sitting there…’summte sie in ihren übersäuerten Magen.
Zwei Gläser Wein später starrte sie auf das reife Fleisch, das sich locker-lasziv präsentierte, ganz in der Hoffnung, gepflückt zu werden. Wie ranzige Scheiben Wurst, die sich an den Enden aufrollten, als wollten sie sagen: ‘Komm! Nasch’ uns. Wir sind der Frühling!’
Sie hoffte auf ein Wunder. Sie hatte gebetet. Sie hatte gezaubert. Sie hatte es nicht fassen wollen. “Irgendwann, wenn ich es nur lange genug hoffe, wenn die da oben wissen, dass ich es ernst meine. Wenn ich bewiesen habe, dass ich durchhalte, dann muss es doch passieren.” Das Alter kleidete sie. Wie ein Kittel, wie eine Schürze zum Fensterputzen.
Sie hatte über Alternativen nachgedacht. Diese umzusetzen hätte der Zukunft bedurft. Die Vergangenheit war näher. Die Alternativen mussten nicht weiter betrachtet werden.
Zwei Gläser Wein später ließ sie das Gammelige an die Grenzen des Ozeans und ihre Augen über den blauen Himmel gleiten. Bunte Farben vermischten sich mit einem gläsernen Blick, während sich ihr Kopf mit dem spiegelglatten Fließenboden verband.
Zwischen Kur und Kollaps liegen oft nicht mehr als sechs Gläser Wein.
Frau Glück lag benommen in ihrem Hotelbett. Die Jalousien waren verschlossen. Am Ende des Raumes donnerte ein Ventilator seine Runden und erreichte mit Mühe ihren großen Zeh. Der Hinterkopf vergnügte sich mit einem Beutel Eis und aus der Ferne hörte sie das klirrende Geschirr aus der Hotelküche. Wenn sie sich anstrengte, dann hörte sie die Wellen, wie sie gegen die Steinmauern der Betonwüste klatschten.
Frau Glück hatte ihren Namen wieder einmal alle Ehre gemacht:
Sie war vom Pech verfolgt. Obwohl sie sich stets bemühte, alles richtig zu machen, mit dem Herzen zu handeln und nicht bei rot über die Ampel zu gehen, prasselte jedes denkbare Unglück der Welt auf sie ein. Wer auch immer nach einem dieser Vorfälle als erstes zu ihr kam, zwinkerte keck mit den Augen und sagte: “Glück gehabt.” Das dem augenscheinlichen Glück aber immer schnell vergessenes Pech vorausging, das bemerkte niemand. Wie ein Schatten verfolgten sie sich, immer auf der Suche nach einem neuen Eklat.
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Irgendwo zwischen Glück und Pech, eigentlich ganz woanders hatte SIE ihr Zuhause gefunden. SIE hat Mauern errichtet, ein Haus gebaut und in den Himmel geschaut. Manchmal spielt SIE Klavier. Manchmal sitzt SIE in ihrem Garten. Und immer denkt SIE: Wie gut, dass ich frei bin. Nur SIE weiß, wie es bei sich aussieht.
Und mal ganze unter uns: Keine möchte ihr Chaos sehen. SIE besitzt kein Tor. SIE besitzt keine Klingel. Keiner hat SIE gesehen.
SIE kann sich nicht erinnern. Wirklich an gar nichts. Das Vergessen hält SIE am Leben. SIE kennt kein Wetter, SIE kennt keine Tageszeit. SIE kennt keine Menschen.
SIE pflanzt keine Blumen, SIE trägt keine Kleider. Und nur die Abwesenheit von Sauerstoff lässt sie beruhigt atmen.
Frau Glück und SIE haben keine Gemeinsamheiten. Sie kennen sich nicht. Und keine der beiden kann sich vorstellen wie es ist, die andere zu sein.
Frau Glück existiert.
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Frau Glück lag regungs-, fassungslos im Bett und erinnerte sich alter Zeiten. Melancholisch überdachte sie die letzten 50 Jahre. Frau Glück hatte nicht viel gefordert, nicht geklagt.
Nur einmal, kurz bevor der Kopf auf die Fliesen knallte, da dachte sie sich: “Würde ich die Freiheit kennen, dann wäre mir nicht so schwer ums Herz!”
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